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UND ERNEUERUNG
 
 

DOKUMENTATION


Die vollständige Ansprache des Berliner ev. Superintendenten i. R. Martin-Michael Passauer
zur Mitgliederversammlung des Vereins Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950 e.V.
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Oranienburg, September 2009

Ansprache des Berliner Generalsuperintendenten i. R.
Martin-Michael Passauer

auf der Gedenkveranstaltung September 2009 der
Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950 e.V.

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
Unsere Hilfe steht im Namen des Herren, der Himmel und Erde gemacht hat!
(Psalmenrezitation)

Sehr geehrte Frau Ministerin Dr.Wanka,
Sehr verehrte Frau Viktoria Heydecke
Sehr verehrte Anwesende
Liebe Schwestern und Brüder

Erinnerung heißt das Wort der Stunde. Wir erinnern. An diesem Ort und hier auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers steht es auf Schritt und Tritt, wie mit unsichtbarer Hand geschrieben:

Du Mensch erinnere Dich.
Du Mensch, der Du jetzt und heute lebst, erinnere Dich.
Denn Leben, jedes Leben ist immer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Ohne diese drei Zeiten ist Leben nicht zu haben. Dabei ist die Zeit der Vergangenheit die Zeit, aus der am meisten zu erzählen ist. Denn die Gegenwart, so hat mal einer gesagt, ist wie der Gang auf einer Rasierklinge. Was eben noch Gegenwart war, ist im nächsten Augenblick schon Vergangenheit. Und diese Vergangenheit bleibt uns erhalten. Sie klebt gleichsam an uns. Sie ist Teil unserer Geschichte. Und wenn wir sie uns genauer betrachten, zerfällt sie in einzelne Geschichten.

Auch dieser Ort hier ist Geschichte. - Teil unserer deutschen Geschichte. - Hier ist viel geschehen.

Nachdem im Sommer 1945 die letzten der befreiten Häftlinge das Gelände verlassen hatten, wurde das Lager seit August 1945 durch die Sowjetische Militäradministration als Internierungslager genutzt. Die Nutzung begann mit der Verlegung von 150 Häftlingen des sowjetischen Speziallagers Nr. 7 aus Weesow bei Werneuchen. Außer dem Krematorium und der Vernichtungsanlage wurden fast alle Lagergebäude, vor allem die Holzbaracken, das Lagergefängnis und die Wirtschaftsgebäude, wieder in Betrieb genommen. Gegen Ende 1945 war das Lager wieder voll belegt (12.000 Personen). Im folgenden Jahr waren zeitweise bis zu 16.000 Menschen ohne Rechtsgrundlage und unter menschenverachtenden Bedingungen im Lager eingesperrt. Etwa 2.000 weibliche Häftlinge lebten in einem gesonderten Bereich des Lagers.

Das ist Geschichte. Daran erinnern wir. Wir erinnern an das uns heute unvorstellbare und unfassbare Leid, das Menschen Menschen angetan haben. Gottseidank sind diese Geschehnisse Geschichte. Und wir erinnern durch Gedenkorte, Gedenkveranstaltungen und Gedenksymbolen wie das Hochkreuz, das fortan hier steht und Zeugnis gibt, an diese Geschichte. Aber viele der hier heute Anwesende bezeugen durch Ihr Leben, dass diese Geschichte hier aus lauter einzelnen Geschichten besteht. Erst dadurch wird sie lebendig und anschaulich. Und sie treffen sich regelmäßig, damit auch durch ihre Geschichten unsere Geschichte lebendig bleibt. Dafür danken wir Ihnen allen sehr. Und wir geben gleichsam die Bitte und den Auftrag an Sie weiter, nicht aufzuhören, uns, den Nachgeborenen ihre Geschichten die Geschichten dieses Ortes zu erzählen.

Wir wissen, dass eine überzeugende Gedenkstättenkultur - und das können wir hier in Sachsenhausen erleben - die Erinnerung wach hält. Denn zur Gedächtniskultur in unserem Land gehört vor allem die Gedenkstättenarbeit. Aber diese Orte brauchen auch die lebendige Stimme, das Zeugnis, das gesprochene Wort, das wieder und wieder Erzählen und Wiederholen von Versagen, von Verbrechen, von der Sünde. Das, was Menschen hier auch an diesem Ort angerichtet haben, wird verharmlost, wenn es verschwiegen oder verdrängt wird, wenn es für nachfolgende Generationen nicht mehr das Licht der Welt erblickt.

Israel, dem von Gott auserwählten Volk lernen wir, dass das Geheimnis der Erlösung, die Erinnerung ist. Wie ein roter Faden zieht sich durch die ganze Hebräische Bibel, das Alte Testament, dieser Ruf :

- Gedenket an diesen Tag, an dem Euch Gott aus Ägyptenland herausgeführt hat,
- Gedenket des Sabbattages, das Du ihn heiligst, ....
- Gedenke des ganzen Weges, den Dich der Herr dein Gott geleitet hat...

und dann folgt die Aufzählung, was auf diesem Weg des Volkes Gottes alles geschehen ist. Israel, dieser Augapfel Gottes, wie er in der Bibel genannt wurde, dieses geschundene und verschmähte, dieses verfolgte und grausam vernichtete Volk hatte auch mit den wenigen, die den Holocaust und den Stalinterror überstanden haben, nicht überlebt, hätten sie diese Kraft der Erinnerung nicht. Die Kraft der Erinnerung und Rituale wie die Feier des Shabatts, aber auch die Feste wie Jom Kippur oder Hanukka hat ihnen die Zukunft offen gehalten. Zu dieser Kraft gehören auch die Symbole, die für ihre Erinnerung stehen. Am Bekanntesten ist sicher der Davidsstern und der Siebenarmige Leuchter.

Dieser Tradition folgend, haben auch wir Christen Symbole, die uns helfend, den Glauben zu stärken. Das Holzkreuz ist dabei unser wichtigstes Symbol. Zwei Balken erinnern daran, dass diese Welt aus zwei Ebenen besteht. Der vertikalen Ebene und der horizontalen Ebene. Gerne würden die Menschen die Vertikale aus dem Leben verbannen. Den Himmel vergessen und alles auf die Erde verbannen. Dem eigenen Geist und Verstand vertrauen, sich selber zum Maßstab aller Dinge machen und nur das zur Kenntnis nehmen, was einleuchtet. Was aus dieser Haltung erwächst, wenn der Mensch sich selber zum Maß aller Dinge macht, - auch über Leben und Tod , - das kann man an diesem Ort studieren. Diese Tausende und abertausende Getötete und bis zur Unkenntlichkeit zerstörten Menschen sind die Folgen einer Ignoranz, die nicht wahrhaben will, dass es außer unserer sichtbaren horizontalen Ebene auch noch die Vertikale gibt. Dass Kreuz ist das Symbol, dass Gott selber diese Haltung durchkreuzt. Er hat mit dem Tod am Kreuz ein Zeichen gesetzt, dass unübersehbar ist. Wenn wir dies nicht anerkennen, wenn wir dies nicht sehen, dass Gott diese unsere Welt durchkreuzt und uns seinen Himmel eröffnet, werden wir blind und werden wir weiter seine Welt und seine Schöpfung grob vernachlässigen. Das Kreuz mit den beiden Balken, die Himmel und Erde verbinden, ist ein Symbol dafür, dass Gott diese Verbindung will. Diese Verbindung von oben und unten, von Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit, von Freud und Leid, von Tod und Leben.

Das Wort für diese Zusammengehörigkeit heißt: Versöhnung. Gott bringt zusammen, was getrennt ist. So stehen die beiden Balken auch für die ausgebreiteten Arme Gottes, die einladen und trösten wollen. Und genau an diesen Ort gehört deshalb das Hochkreuz. Das mahnt und tröstet, das durch den Tod Jesu am Kreuz für alle Welt sichtbar die Unmenschlichkeit vor Augen führt und gleichzeitig einen Ort bietet, wo unsere Trauer und Klage ihren Platz hat.

Wir lesen in unserer Bibel, dass auch Israel in seiner langen Geschichte in den Augen Gottes versagt hat. Das haben sie nicht verschwiegen und offen erzählt. Es hat sich nicht gescheut, es auszusprechen.
Und auch wir als Kirche haben - davon erzählt auch dieser Ort – Schuld auf uns geladen. Durch Äußerungen, die Propst Heinrich Grüber und Bischof Otto Dibelius nach den Weihnachtsgottesdiensten 1949 in Internierungslagern, auch hier in Sachsenhausen, öffentlich getätigt haben, sind viele viele Menschen verletzt worden. Sie fühlten sich von ihrer Kirche in ihrem Leid und Schmerz nicht ernst genommen und haben ihr den Rücken gekehrt, in dem sind ausgetreten sind.

Denn dieses Lager war kein Arbeitslager. Die Häftlinge litten unter der erzwungenen Untätigkeit, unter ständigem Hunger, Kälte, Ungeziefer und medizinisch nicht behandelten Folgeerkrankungen. Sie starben zu Tausenden und wurden in Massengräber geworfen und verscharrt. Von den in den Jahren 1945 bis 1950 etwa 60.000 Inhaftierten starben etwa 12.000 Häftlinge an Unterernährung, Krankheiten, psychischer und physischer Entkräftung. Und das haben die Vertreter der Kirche nicht laut genug in die Öffentlichkeit hinaus geschrien, den Machthabern ins Gesicht gesagt und oder Presse in die Feder diktiert.

Heute, nach 60 Jahren errichten wir hier ein Hochkreuz. Ein Zeichen der Versöhnung.
Gott bereitet durch den Tod seines Sohnes Jesus Christus die Arme aus und ruft:
„Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Und nur, weil es dieses Symbol seit 2000 Jahren gibt, und wir als nachfolgende Generation uns immer und immer wieder unter dieses Kreuz stellen, kann ich im Namen unserer ganzen Kirche diese Schuld öffentlich benennen und um Vergebung bitten. Ich bitte im Namen meiner ganzen Kirche und für diese Kirche um das Vergeben. Und mit der Bitte um Vergebung sage ich zu, alles dafür zu tun, dass das Geschehene nicht vergessen wird. Wir bitten als Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg, zu der auch Heinrich Grüber und Otto Dibelius gehören, alle, diejenigen, die noch heute darunter leiden um Versöhnung und versprechen gleichzeitig, dieses Versagen nicht zu vergessen. Denn auch heute ist die Gefahr groß, dass wir Gewalt und Krieg und Vernichtung und Hungertod und Elend klein reden.
Auch in unserer Erinnerungsarbeit heute nach 20 Jahren friedlicher Revolution sehen wir die Gefahr, dass Unrecht nachträglich zum Recht umgedeutet oder zum kleinen Ausrutscher erklärt wird. Dem müssen wir uns widersetzten.
Deshalb sind diese Orte als Mahnmale wichtig und die Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950 e.V. als lebendige Erinnerung von unschätzbarem Wert. Gebe es Gott, dass Sie alle noch möglichst lange und viel und vieles erzählen können. Amen.

Martin-Michael Passauer, Berlin, Generalsuperintendent i.R.